Analysieren ist mehr als Codieren!

Methodologische Verortung

Mit quintexA wurde eine QDA-Software entwickelt, die in der qualitativen Forschung zur Analyse von Texten eingesetzt werden kann. Hierbei ist sowohl eine "mikroskopische", rekonstruktiv-hermeneutische Analyse möglich – bspw. in Anlehnung an das integrative Basisverfahren von Kruse et al. (vgl. Kruse 2014: Kapitel VII) – als auch eine inhaltsanalytisch-kategorisierende Auswertung  – etwa in Anlehnung an Mayring (2008) oder auch die ethnomethodologische Konversationsanalye in Anlehnung an Harold Garfinkel (vgl. Bergmann 1988, Garfinkel 1967)

Hauptanliegen bei der Entwicklung des Programmes war es, computergestützt Texte analysieren zu können und dabei so weit als möglich den Gütekriterien der Grounded Theory Methodology (Strauss/Corbin 1996; Strübing 2004; Forschung als iterativ-zyklischer Prozess von offener zu strukturierender Analyse hin, vgl. bspw. Kruse 2014: Kapitel I, Abschnitt 4.3 sowie Kapitel VII, Abschnitt 1) wie auch der qualitativen Sozialforschung Rechnung zu tragen. Darüber hinaus war es ein Ziel, einerseits nahe an einer „manuellen“ Auswertung mit Stift und Papier zu bleiben, andererseits aber die sich bietenden Optionen des Computers bestmöglich zu nutzen.

quintexA ist eine Software, die in der qualitativen Datenanalyse adäquates wissenschaftliches Arbeiten nach den Prinzipien der Grounded Theory Methodology und der qualitativen Sozialforschung durch eine völlig neue Konzeption und Herangehensweise an die computergestützte Analyse ermöglicht. 



Bisher verwendete Programme zur Analyse qualitativer Daten sind so konstruiert, dass mittels „Codieren“ Textstellen einer thematischen bzw. „inhaltlichen“ Kategorie zugeordnet werden. Die fundamentale Forderung der qualitativen Sozialforschung lautet jedoch, dem Forschungsgegenstand mit größtmöglicher Offenheit gegenüberzutreten (vgl. bspw. Kruse 2014: Kapitel VII, Abschnitt 1). Eine möglichst offene Analyse erfordert aber die Notwendigkeit, eine Textstelle erst zu analysieren und dann anhand der Analyseergebnisse eine „Kategorie“ zu bilden, die im weiteren Analyseprozess auch nochmals modifiziert werden kann. Denn in dem Moment, in dem lediglich eine Textstelle einem Code zugeordnet wird, wurde ja schon vorab eine – zumeist statische – Kategorie gebildet, die erst nachträglich mit Daten gefüllt wird, was man wohl kaum als offene Verfahrensweise bezeichnen kann (vgl. Kruse 2014: Kapitel VII, Abschnitte 2 u. 3). 



Darüber hinaus stellt sich bei den meisten bisher auf dem Markt befindlichen Softwarelösungen das Problem, dass nicht nachvollziehbar ist, nach welchen Kriterien eine Textstelle einem bestimmten Code zugeordnet wurde, sofern dies nicht explizit durch Memos festgehalten wird. Im Grunde genommen können bei der Anwendung solcher Software nur die Ergebnisse der Analyse qualitativer Daten dokumentiert werden, nicht aber der Prozess. Damit kann ein elementares und maßgebliches Gütekriterium der Grounded Theory Methodology nicht erfüllt werden, nämlich das der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und Rekonstruierbarkeit.



quintexA ist auf dem sog. integrativen Basisverfahren aufgebaut, einer sequenzanalytischen, text- bzw. gesprächshermeneutischen Methode zur rekonstruktiven Analyse, das in dieser Art grundlegend von Cornelia Helfferich und Jan Kruse konzeptualisiert (vgl. Helfferich/Kruse 2007) und im weiteren Verlauf maßgeblich von Jan Kruse (2014) methodisiert worden ist (siehe auch Kruse/Biesel/Schmieder 2011; Kruse/Schmieder 2012; Kruse/Wagensommer 2013). Dieses Verfahren orientiert sich stark an der Methode der dokumentarischen Interpretation nach Karl Mannheim und der ethnomethodologischen Konversationsanalyse nach Harold Garfinkel (vgl. Kruse 2014: Kapitel VII, Abschnitte 5 bis 6).

Doch mit quintexA können auch andere methodische Analysezugänge umgesetzt werden, da sich hier nicht die Analysemethode der Software unterwerfen muss, sondern der Anwender die Möglichkeiten des Computers individuell methodenangepasst nutzen kann. Bislang lief der Forscher häufig Gefahr, wissenschaftlichen Standards nicht gerecht werden zu können, da die methodischen Anforderungen des Analyseverfahrens den technischen Gegebenheiten eines Computerprogrammes untergeordnet werden mussten.

Der entscheidende Unterschied von quintexA zu anderen Softwarelösungen liegt in der Handhabung der Daten: Während in diesen Programmen die ausgewählten Textpassagen in den „Schubladen“ eines „hierarchischen Kategoriensystems“ (www.maxqda.de/download/manuals/MAX10_intro_ger.pdf) verschwinden, bleiben in quintexA Textstellen, Analyse/Kommentierung und sich daraus ergebende Kategorien sichtbar und stehen in keinem wertenden Verhältnis zueinander (was übrigens auch wiederum der größtmöglichen Offenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand widersprechen würde).

Der grundlegende Kontrast zwischen quintexA und anderen QDA-Programmen liegt darin, dass in quintexA der Vorgang des Codierens, also das Belegen von Deutungen mit Textstellen, nicht am Anfang des Analyseprozesses steht, sondern am Ende. Dies hat zur Folge, dass ausgehend von den Textdaten eigentlich die Analyse codiert wird und somit letztlich die Analyse als Nachweis der Interpretation dient. So wird das „Codieren“ wieder zu dem Vorgang wie er ursprünglich in der Grounded Theory Methodology angedacht war: „Es handelt sich also nicht um eine einfache Subsumtion der Daten unter vorhandene Kategorien wie im Prozess des in der standardisierten Forschung üblichen Codierens, vielmehr werden die Kategorien oder Codes erst im Verlauf des Codierprozesses gebildet und im Fortgang der Auswertung sukzessive erweitert und verfeinert.“ (ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung: http://www.lrz.de/~wlm/ilm_c14.htm)

 

Literatur:

Bergmann, Jörg R. (1988): Ethnomethodologie und Konversationsanalyse. Studienbrief 000315613 (11.88) der Fernuniversität – Gesamthochschule – in Hagen, Fachbereich Erziehungs-, Sozial und Geisteswissenschaften, Kurseinheit 1 bis 3. Hagen: Fernuniversität Gesamthochschule.

Garfinkel, Harold (1967): Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs (New Jersey): Prentice-Hall.

Goodwin, Charles/Heritage, John (1990): Conversation Analysis. In: Annual Review of Anthropology. Vol. 19, S. 283-307.

Helfferich, Cornelia/Kruse, Jan (2007): Hermeneutisches Fremdverstehen als eine sensibilisierende Praxeologie für sozialarbeiterische Beratungskontexte. Oder: Vom ‚professionellen Blick‘ zum ‚hermeneutischen Ohr‘. In: Miethe, Ingrid et al. (Hg.): Rekonstruktion und Intervention. Interdisziplinäre Beiträge zur rekonstruktiven Sozialarbeitsfor-schung. Leverkusen: Barbara-Budrich-Verlag, S.175-188.

Kruse, Jan/Biesel, Kay/Schmieder, Christian (2011): Metaphernanalyse. Ein rekonstruktiver Ansatz. Wiesbaden: VS-Verlag.

Kruse, Jan/Schmieder, Christian (2012): In fremden Gewässern. Ein integratives Basisverfahren als sensibilisierendes Programm für rekonstruktive Analyseprozesse im Kontext fremder Sprachen. In: Kruse, Jan/Bethmann, Stephanie/Niermann, Debora/Schmieder, Christian (Hg.): Qualitative Interviewforschung in und mit fremden Sprachen. Wein-heim: Juventa, S. 248-295.

Kruse, Jan/Wagensommer, Georg (2013): Sozialwissenschaftliche Analyseansätze im Kontext qualitativer Religions-forschung – ein Überblick. In: Gabriela Brahier/Dirk Johannsen (Hg.): Konstruktionsgeschichten – Narrationsbezogene Ansätze in der Religionsforschung. Würzburg: Ergon Verlag, S. 137-172.

Kruse, Jan (2014): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Weinheim: Juventa.

Mayring, Philipp (2008): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. 8. Aufl., Weinheim u. Basel: Beltz (UTB).

Sacks, Harvey (1992): Lectures on conversation. Hg. v. Gail Jefferson; Einl. von Emanuel A. Schegloff. 2 Bde., Oxford [UK] Cambridge, Mass.: Blackwell.

Schegloff, Emanuel A. (1984): On Some Questions and Ambiguities in Conversation. In: Atkinson, J. Max-well/Heritage, John (Hg.): Structures of Social Action. Studies in Conversation Analysis. Cambridge: Cambridge Uni-versity Press, S. 28-52.

Strauss, Anselm/Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologische Verlags Union.

Strübing, Jörg (2004): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden: VS-Verlag.