Analysieren ist mehr als Codieren!

Wie alles begann…

Wir schreiben das Jahr 2011 und ich sitze an der Auswertung des Datenmaterials für meine Promotion. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt 15 leitfadengestützte Interviews geführt, ein gefühltes halbes Jahrhundert transkribiert und wollte endlich, endlich mit der Analyse beginnen und die Quintessenz aus meinen Daten holen. 

Ich geb‘s jetzt mal lieber gleich vorneweg zu: Ich bin echt kein Technik-Freak. Für mich sind technische Geräte aller Art Hilfsmittel, die mir im besten Falle dabei helfen, mich und meinen Alltag zu organisieren, mehr aber auch nicht. Verliebte Spielereien mit dem PC oder zugehöriger Software sind nicht so meins. Deshalb habe ich auch nicht lange überlegt, welches Analyse-Programm ich zur Auswertung meiner Interviews nutzen soll: Ich habe mir einfach die Software gekauft, die von den meisten anderen in meinem (Doktoranden-)Bekanntenkreis auch genutzt wurde. Außerdem habe ich vorab noch zwei Einführungsworkshops besucht, um der Sache wenigstens einigermaßen Herr zu werden... 

Und jetzt soll es also losgehen: Ich importiere das erste Interview (na bitte, ging doch, so schwer war das gar nicht!) und will anfangen zu analysieren. Mit Papier und Stift hat das in der Analyse-Testphase eigentlich schon ganz gut geklappt und mein Plan für die Auswertung steht: Methodisch möchte ich angelehnt an die Grounded Theory Methodology arbeiten, zunächst in kleinschrittiger Feinanalyse anhand inhaltlicher, aber auch sprachlicher Gegebenheiten, um dann über die Abstrahierung meiner Erkenntnisse zu Kategorien oder wiederkehrenden Mustern zu gelangen. 

Das Programm sieht hübsch aus, ich kann über eine ganze Farbpalette verfügen um zu markieren oder Abschnitte im Text zu kennzeichnen. Das tue ich auch, bringt mich aber noch nicht wirklich weiter. So, jetzt fange ich aber richtig an: Ich wähle einen Textabschnitt aus und ordne ihn einem Code zu. Öhm, Moment, welchem denn? Ach du Schande, da muss ich ja erst einmal einen Codebaum anlegen! Aber nach welchen Kriterien? Ich möchte doch möglichst offen an mein Material herangehen, wie kann ich denn da vorab schon Codes vergeben? 

Na gut, Bedenken über Bord werfen, muss wohl so sein. Also überlege ich mir Codes. Für inhaltliche Gegebenheiten in meinen Interviews geht das ja noch ganz gut. Wobei sich mir auch da schon wieder die Frage aufdrängt: Wozu soll das gut sein? Was bringt es mir, wenn ich alle inhaltlichen Passagen, in denen meine Lehrkräfte über Eltern sprechen, in einen Code stecke? Na gut, ich könnte danach auszählen, wie oft solche Stellen vorhanden sind – aber ist das wirklich relevant für die Interpretation des Materials? Ich will doch nicht quantitativ arbeiten? Das kann doch nur ein Aspekt unter vielen sein. Und was ist mit meinen sprachlichen Besonderheiten? Versenke ich da immer Satzteile in einen Code? Was habe ich davon?

Darum wird es Zeit, dass ich endlich mal anfange, das zu tun, was für mich der eigentliche Prozess der Analyse ist: Ich untersuche Textstellen nach den Kriterien meiner Methode und halte die Erkenntnisse dazu fest. Und schließlich werte ich diese gesammelten Erkenntnisse aus. Wie geht das in dem Programm? Ah, mit Memos, wunderbar! 

Allerdings wird es jetzt allmählich wirklich kompliziert. Wie schon geschrieben, möchte ich (zunächst) sehr kleinschrittig vorgehen, das heißt ich vergebe sehr viele Codes, auch auf engem Raum. Damit scheint die Software erstens Schwierigkeiten zu haben (der Text bewegt sich nur noch ruckartig), zweitens wird die Sache allmählich tierisch unübersichtlich: Wenn ich zu all diesen Codes Memos schreibe, kenne ich mich überhaupt nicht mehr aus. Codes (gesammelte Textstellen) und Memos (gesammelte Erkenntnisse) sind voneinander getrennt. Mehrere Memos gleichzeitig öffnen, um so die Ergebnisse der Analyse auswerten zu können? Mist, Fehlanzeige, geht nicht. 

So verbringe ich eine ganze Reihe von Tagen, versuche einen optimalen Codebaum zu erstellen, eine System zu finden, wie ich mit der Software meine Analysemethode vielleicht doch noch umsetzen kann, wie ich vor allem die Erkenntnisse meiner Analyse übersichtlich darstellen kann. Denn der Memo-Manager, den mir die Software bietet, um die Memos auszuwerten, reicht einfach von vorne bis hinten nicht, um meine komplette Analyse offen zu legen. 

Ich fürchte, ich war in dieser Zeit wirklich mehr als eine Zumutung für meine Umgebung – die Stimmung reichte von Wut über Heulerei bis hin zu Verzweiflung. Aber Himmel noch einmal, ANALYSIEREN IST DOCH MEHR ALS CODIEREN!!! Ich will nicht durch ein Computerprogramm dazu gezwungen werden, meine Analysemethode abzuändern oder anzupassen. 

Und so ist er also gereift, der Entschluss eine eigene Software zu entwickeln. Die Vorgaben waren dabei klar: Ich will mit dem Text arbeiten und ihn sehen können und zwar in jeder Phase der Analyse. Ich will keine Textteile in Codes versenken, nur damit sie irgendwo eingeordnet sind, sondern ich möchte begründet argumentieren (und auch nachweisen können!), wie ich zu meinen Analyseergebnissen komme. Deshalb soll die Kommentierungsfunktion einen ganz wesentlichen Stellenwert in der neuen Software einnehmen. Memos soll es schon auch geben, klar, wenn mir spontan etwas einfällt, das ich festhalten möchte. Aber sie dienen nicht dazu, den Prozess der Analyse festzuhalten. 

Von diesen ersten Anfängen bis zum heutigen quintexA sind viele Tage vergangen. Das Programm ist mit meiner Promotion gewachsen und das hat sich als optimal erwiesen. In unmittelbarer Rücksprache mit dem Softwaredesigner konnte ich in allen Analysephasen meine Vorstellungen und Wünsche an eine Software zur Analyse qualitativer Daten umsetzen. Und sehr schnell hat sich gezeigt, dass viele qualitativ Forschende Interesse an quintexA haben – deshalb sind wir hier...

Kristina Maria Weber